Sonntag, 23. Juli 2017

[Persönlich] Chester Bennington – This One Special Light

Lange habe ich überlegt, wie ich diesen Blogbeitrag beginnen kann. Zu viel schwirrt im Kopf rum und doch fühlt man auch eine gewisse Leere, die besonders kurz vorm Schlafengehen am größten ist. Nie zuvor habe ich wegen dem Tod eines Künstlers geweint, aber in den letzten drei Tagen hat sich vieles geändert, denn es fühlt sich an als würde ein kleiner Teil von mir fehlen, der seit meiner Kindheit zu mir gehörte. This one special Light.

Mike & Chester am 11.11.2010 in Frankfurt
(Quelle: Eigenes Archiv)

Fuck – Das ist es wohl, was die ganze Situation am besten beschreibt.

Seit ich das Video zu In the End damals mit  10 oder 11 Jahren das erste Mal auf VIVA (oder war es MTV?) gesehen habe, bin ich großer Fan von Linkin Park. Rockmusik mit Rap-Einlagen? Das fand ich schon in jungen Jahren gut. Damals konnte ich die Texte von Hybrid Theory und später auch Meteora zwar nur teilweise verstehen, weil mein Englisch noch nicht so gut wie heute war, aber allein die Emotionen in Chesters und Mikes Stimmen haben mich zusammen mit dem melodischen Sound der Band einfach gefangengenommen.

Als dann Weihnachten 2003 anstand, meine Mum mir Meteora in die Hände drückte und ich mich direkt danach in mein Zimmer zurückzog und das Album in einem Rutsch durchhörte, wusste ich es: Ich hatte meine Lieblingsband gefunden. Und mein Lieblingsalbum.
Kein Song war wie der andere und noch heute kann ich alle mitsingen/rappen. Auf Konzerten der Band ist Faint mein absoluter Liebling – energiegeladen und in ya face.

Linkin Park und diesen beiden Alben war es auch teilweise zu verdanken, dass ich schon früh angefangen habe, Englisch zu lernen. Ich wollte die Texte verstehen, die sie mit solch einer Energie eingesungen hatten. Sie inspirierten mich zu schreiben und zu zeichnen und haben mir eine Stimme gegeben, als ich keine hatte.

LPU bei Rock am Ring 2014
(Quelle: Ich weiß leider nicht mehr wer fotografiert hatte)

Mit Minutes to Midnight gingen LP dann so langsam in eine andere Richtung, immer noch rockig aber irgendwie befreiter. Wer erinnert sich noch an MTV TRL am Nachmittag und das Hoffen darauf, dass What I've Done auf Platz 1 gelandet ist? ICH ICH ICH! Der Song Bleed it Out wurde ebenfalls mehr als gut von den Fans angenommen und fortan als Closing-Song bei Konzerten verwendet. Ich liebte ihn einfach!

A Thousand Suns, Living Things und The Hunting Party waren auch gute Alben, aber irgendwie wollte ich nie zu 100% warm mit ihnen werden. Ich hörte die Lieder an, befand viele als super, aber die alten sprachen mich eben doch mehr an. Was auch okay ist, denn man kann ja nicht alles mögen :)

Mit One More Light kam dieses Jahr dann wieder ein Album raus, das ich als unglaublich stark empfinde. Viele meckern ja, dass es zu poppig ist, aber vielleicht genau deswegen mag ich es ja auch. Linkin Park haben sich ständig weiterentwickelt, neue Sachen ausprobiert und sind eben nicht auf ihrer "sicheren Erfolgsroute" geblieben. Das erfordert Mut, zeigt zur selben Zeit aber auch, dass sie genau das machen, worauf sie Lust haben und das sieht man ihnen auf Konzerten an.

4 Mal durfte ich sie live sehen, 3 Mal auf Solo-Shows und ein Mal auf einem Festival, auf das ich nur wegen ihnen wollte. 4 Mal war ich begeistert, habe neue Leute kennengelernt und die beste Zeit meines Lebens gehabt. Zuletzt am 12. Juni in Berlin.

Bei Rock am Ring 2014 wurde ich kreativ, damit sie eines meiner Lieblingslieder spielen. Haben sie dann auch.
(Quelle: Rock am Ring Blog)

Vor diesen besagten 1 ½ Monaten habe ich Linkin Park noch live in Berlin gesehen und vor 3 Tagen musste ich dann plötzlich lesen, dass Chester nicht mehr am Leben ist. Das wirkte im ersten Moment total surreal. Von heute auf Morgen? Chester? Nein.
Unter den Fans herrschte Verwirrung, Trauer, Angst, aber auch irgendwo noch Hoffnung, dass das bloß ein verdammter Scherz ist. Mit Mikes Tweet wurde dann aber klar: Es ist bittere Realität.

Wie viele andere konnte auch ich es nicht glauben – und auch jetzt ist es noch schwer vorstellbar – dass dieser besondere Mensch, der so vielen Fans immer wieder aufs neue Kraft geschenkt hat, nicht mehr unter uns weilen soll. Ich wusste von Chesters innerem Kampf gegen seine Dämonen, von dem er auch erst kürzlich wieder in einem Interview erzählte.

I recommend that everyone goes and writes their problems down on a piece of paper, takes it outside and fucking burns that shit. Talk to somebody about it. – Chester im Interview mit RockSound

Ich habe nie unter Depressionen gelitten, weiß also auch nicht im Entferntesten, wie es sich anfühlen muss, tagein tagaus damit zu Leben. Aber es muss verdammt schwer sein, wenn man wie Chester keinen anderen Ausweg sieht. Und jeder, der ihn feige nennt, hat einfach keine Ahnung. Wir alle erinnern uns doch an bestimmte Ereignisse, die uns als Kind widerfahren sind und uns geprägt haben. Für mich sind das hauptsächlich schöne Ereignisse und wenn überhaupt keine wirklich schlimmen. Aber mit was für Erinnerungen muss Chester die ganze Zeit gelebt haben, da er als Kind sexuell missbraucht wurde? Was, wenn diese Erinnerungen jederzeit wieder plötzlich vor einem erscheinen und man immer und immer wieder das Erlebte vor Augen geführt bekommt?

Genau das hat er mit Hilfe der Band und den Songs verarbeitet und so auch Musik als Therapie angesehen. Und bei uns ist das doch auch so – wenn es uns schlecht geht, dann hören wir unsere Lieblingsmusik. Wenn wir verärgert sind, dann wird One Step Closer eingelegt und laut SHUT UP WHEN I'M TALKING TO YOU gesungen :) Linkin Park, allem voran Chester, gaben und werden auch weiterhin den Fans den nötigen Rückhalt geben, da bin ich mir sicher. Die Band hat Menschen zusammengebracht, niemand ist allein mit seiner Trauer und zusammen werden wir alle noch enger beisammenstehen, damit niemand das gleiche Schicksal erleidet. Teilt eure Sorgen/Gedanken mit anderen, aber seid auch selbst Zuhörer. Lasst niemanden ungehört bleiben.

Chester am 11.11.2010 in Frankfurt
(Quelle: Eigenes Archiv) 

Denn am Ende ist niemand nur "one more light", sondern jeder Einzelne ist "this one special light", das auf der Erde nie frühzeitig erlischen soll. Jeder Einzelne ist wichtig.

Danke für all die Kraft, die du nicht nur mir, sondern sehr vielen anderen auch, gespendet hast. Und danke auch dafür, dass du mein Leben seit meiner Jugend zusammen mit Linkin Park musikalisch untermalt hast, Chester. 17 Jahre sind das und wer mich kennt, der weiß, was die Zahl 17 für mich bedeutet. Dein Licht wird in meinem Herzen nie erlischen und deine Stimme nie verstummen.





Rock am Ring 2014
(Quelle: Eigenes Archiv) 



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